17.1. –10.3.17 Rio Dulce – Quiriguá – Puerto Barrios – Tikal – Copán (Honduras) – Rio Dulce

Wenn schon – denn schon!

Da wir jetzt so oder so mit zwei bis drei Monaten Reparaturzeit rechnen müssen, entschliessen wir uns zu einem kompletten Refit. Wir wollen kein Flickwerk mehr und vom einen Desaster ins nächste  rasseln.

Hier in Rio Dulce ist die Infrastruktur für Segler hervorragend. Es hat viele schöne kleine Marinas und zwei grosse, wo man das Schiff auch aus dem Wasser nehmen kann. Und für alle Probleme finden wir sehr gute Spezialisten: Mechaniker, Elektroniker, Sailmaker, Rigger etc. Mit ihnen checken wir jetzt das ganze Schiff auf Herz und Nieren. Wie nicht anders zu erwarten , wird die ToDo-Liste dabei länger und länger, schliesslich umfasst sie mehr als 30 Positionen. Die meisten Arbeiten sind nicht im Handumdrehen erledigt. Das funktioniert in der Karibik nach einem eigenen Rhythmus. Und wichtige Ersatzteile müssen wir aus USA und Europa ordern. Das dauert je nachdem 3 – 5 Wochen. Trotzdem planen und hoffen wir jetzt, dass unsere Riocaja Ende März wieder segelbereit sein wird.

Langsam – aber äusserst sorgfältig und genau

Mit neu gewonnener Moral und Zuversicht gehen wir ran an die Arbeit. Was wir selbst machen können, packen wir an und wir sind bienenfleissig. Die ganz dicken Brocken aber sind unsere zwei Dieselaggregate: der Stromgenerator und der 76PS Volvo Penta Turbomotor. Sie müssen komplett überholt und von Salzkorrosion befreit werden. Der sicherlich 80 Kilo schwere Generator wird dabei mühsam ausgebaut und in der Werkstatt revidiert. Der Rückbau steht noch an, weil wir auf Ersatzteile warten müssen.

Motor ist revidiert.

Was hier so einfach und schnell geschrieben ist, dauert in der Realität immer noch an. Jeden Tag sind die Mechaniker im Motorraum oder in ihrer Werkstatt am Werken und Wirken. Zu unserer grossen Freude arbeiten sie äusserst sorgfältig und genau. Und sie sind immer guter Laune! Was das Zusammenarbeiten auf dem engen Schiffsraum äusserst angenehm macht. Und am 9. März haben wir gemeinsam ein riesiges Erfolgserlebnis: Der Motor ist komplett revidiert. Er glänzt wie neu, läuft tipptpp, ohne irgendwo zu lecken, weder Oel noch Wasser. Ein ganz neues Gefühl für uns.

Immerhin: Von unserer riesigen ToDo Liste sind per 10. März zwölf als erledigt abgehakt. So haben wir unter anderem ein schönes neues Vorsegel, und der Rigger hat die Verstagung (das sind insgesamt zwölf Drahtseile) des 18 Meter hohen Mastes neu stabilisiert und justiert. Diese sogenannte Takelage war in unseren Sturmfahrten extremen Belastungen ausgesetzt. Sie hat schwer gelitten, aber durchgehalten. Weil sie aber schon 23 Jahre alt ist, haben wir uns auf professionellen Rat hin entschieden, das Rigg während der Hurrikansaison im kommenden Sommer komplett erneuern zu lassen. Eine sehr teure, aber für die Sicherheit auf hoher See notwendige Massnahme!

Rio Dulce – Natur pur

Rio Dulce ist ein wunderschönes Süsswasser Revier inmitten hügelig-bergiger Regenwaldnatur. Es ist hier weniger ein Fluss, vielmehr sind es drei Seen. Die Brüllaffen kommen am Morgen und abends bis zu den mächtigen Bäumen am Ufer. Das Klima ist angenehmer als an der Küste. Tagsüber heiss bis 35 Grad. Am Nachmittag kommt meist eine angenehmE Brise auf. Und nachts kühlt es ab bis unter 20 Grad. Weil gut geschützt und absolut hurrikansicher, ist Rio Dulce zu einem bevorzugten Revier für die Segler geworden. Nicht wenige leben hier schon mehrere Jahre auf ihrem Boot.  Zum Beispiel Gaston, unser Nachbar in der Luvis Marina, ein 76-jähriger Schweiz-Amerikaner. Er ist schon elf Jahre da. Sein schön gepflegtes Boot ist sein Zuhause für seinen Lebensabend. Er segelt schon lange nicht mehr und geniesst sein Single-Dasein offensichtlich. Er habe in seinem spannenden Leben so viel Trubel und Unruhe erlebt, da sei ihm die Ruhe hier gerade recht. Und wenn er mal Abwechslung will, dann trifft er sich mit anderen Seglern, oder er kommt zu einem kurzen Schwatz bei uns vorbei.

Guetemala und die Schweizer

Der beliebteste Seglertreffpunkt im geschäftigen Städtchen Fronteras (das aber alle Rio Dulce nennen) ist das Sundog-Café. Es gibt riesige Pizzas aus dem Holzofen. Man geniesst die herrliche Aussicht auf den See und die Yachten vor Anker. Der Beizer hier ist …natürlich ein Schweizer. Tom kommt aus Pratteln. Und er hat doch tatsächlich auch mal in der BLKB in Liestal gearbeitet vor vielen Jahren!

Wenn wir schon bei den Schweizern sind. Bruno’s Casa Perìco liegt in einem Seitenarm des Sees, vollkommen versteckt im Dschungel bei den Hauling Monkeys. Verbindung zum Rest der Welt nur per Boot und Internet. Er hat ein Restaurant und einige schöne Holz-Gästehütten für Bagpacker. Auf der Menükarte gibt’s unter anderem (argentinische) Schweinsbratwurst mit Rösti. Das schmeckt ausgezeichnet. Doris und ich haben es probiert.

Pura Vida

Rio Dulce ist der einzige Ort an den drei Seen. Hier herrscht Tag und Nacht emsiges Treiben. Auf beiden Seiten der nicht wirklich breiten, unebenen Hauptstrasse (natürlich ohne Trottoir und Mittelstreifen) reiht sich ein offener Laden an den anderen. Es wimmelt von Menschen von jung bis alt. Das wäre alles kein Problem, wenn da nicht der Verkehr wäre. Die vielen Motorräder und dreirädrigen TucTuc Taxis schlängeln sich da gut durch. Aber da sind auch von früh bis spät riesige US-Trucks der Marke Freightliner, die sich im Schritttempo/StopandGo in beiden Richtungen durch das Dorf quälen, nur wenige Zentimeter an Kind und Kegel vorbei.

Noch etwas zum Strassenerkehr in Guatemala. Man sieht hier praktisch keine Kleinwagen und nur wenige Limousinen oder Kombis. Und schon gar keine europäischen oder amerikanischen Automarken. Dominierend sind Pick-Ups und 4-Rad-SUVs von Toyota, Honda, Nissan, Hyundai, etc. Das macht auch Sinn, denn die Strassen sind vielfach löchrig oder holprig, und es hat auch viele Naturstrassen.

Was uns sehr zu denken gibt: Es hat sehr viele Motorrad- und Scooterfahrer/innen. Aber nicht eine oder einer trägt einen Helm! Dabei haben sie vielfach noch ihre kleinen Kinder vor sich auf dem Sitz mit dabei.

In Rio Dulce lässt es sich gut leben

Uns macht das Einkaufen hier trotz Hektik riesig Freude, denn es hat frisches Gemüse und Salate in grosser Auswahl, und alle tropischen Früchte. Doris kocht einfach wunderbar, der Salat ist immer üppig und knackig, und ich schnipsle uns jeden Morgen einen prächtigen Fruchtsalat. Ernährungsberater hätten Freude an unserem gesunden Menüplan auf der Riocaja.

Reisen per Bus – oder wo ist die Post?

Zur Abwechslung und Erholung von unseren reparaturgeprägten «Arbeitsalltag» gönnen wir uns ein- und mehrtägige Ausflüge. Wir studieren den Guatemala Reiseführer, suchen aus, gehen zur Busstation und erkundigen uns nach den Abfahrtszeiten und Umsteigeorten. Der gesamte Personenverkehr Guatemalas funktioniert mit kleinen japanischen und koreanischen Vans (Collectivos), aber auch mit grossen Linienbussen. Eine Post gibt es nicht mehr (!). Darum transportieren die Collectivos auf den Dachträgern auch Waren und Pakete. Und ihr in Europa bekommt garantiert keine Postkarten mehr aus Guatemala.

Busfahren ist gefährlicher als Segeln

Das Reisen in den Collectivos ist Abenteuer und Erlebnis zugleich. Natürlich sind sie immer randvoll und überfüllt (Doris ist schon eine Strecke auf dem Dach mitgefahren), natürlich sind sie für meine langen Beine viel zu eng. Natürlich fahren sie geradeaus und abwärts meist viel zu schnell, um nicht zu  sagen kriminell. Am Berg müssen sie dafür wegen Überladung meist kriechen. Aber das absolute Highlight sind die Strassenverkäufer, die sich an den Haltestellen in den Minibus hinein drängeln und ihre Waren lautstark anpreisen. Das sind nicht nur Süssigkeiten, Früchte oder Tortillas, sondern auch Pastillen, Schmerz- und Entzündungstabletten und Vitaminkapseln. Aber auch die Gnade Gottes wird preisgünstig feilgeboten. Die Wanderprediger/innen dürfen bis zur nächsten Haltestelle mitfahren und reden pausenlos. Es gibt dann tatsächlich immer ein paar sündige Leute, die ihm/ihr einige Quetzales in die Hand drücken und so der Strafe Gottes entkommen. Amen.

Guates

Übrigens, das umständliche Unwort Guatemalteker/Guatemaltecas wird hier nicht gebraucht. Es sind einfach alle sympathische freundliche «Guates». Und wir Hombres sind immer ihre Amigos.

Guatemala erleben wir bis jetzt als tolles Reiseland mit einem «sanften» naturnahen Tourismus. Sehr beliebt ist es bei den Bagpackern. Es hat viele Eco-Lodges. Bis jetzt haben wir noch kein einziges grosses Hotel gesehen. Und auch keine grossen Reisgeruppen angetroffen.

Guatemala hat viel zu bieten

Folgende Sehens- und Erlebniswürdigkeiten haben wir bis jetzt besucht.

Finca Paraiso –  ein warmer Wasserfall mitten im Urwald (nur eine Stunde von Rio Dulce entfernt)
Boquerón – ein schöner wilder Canyon

Quiriguá – ein Park mit den grössten Maya-Stelen (bis  11 Meter) – mitten in einer riesigen Bananenplantage

Puerto Barrios – die einzige Hafenstadt an der Karibikküste Guatemalas (Übernachtung im alten Hotel del Norte im tropischen Kolonialstil).

Flores – ein farbenfrohes Inselstädtchen im Petén-Itzá-See (mit dem Festland durch einen Damm verbunden)

Tikal – die grösste Maya-Ruinen-Stadt Zentralamerikas (hatte im 8. Jahrhundert ca.120000 Einwohner). Abenteuerliche Freiluft Übernachtung im Park (Doris in der Hängematte, fast erfroren, Hans im Micro-Zelt auf einer steinharten «Matratze»). Als Belohnung für die Strapazen erleben wir auf einem Maya-Tempel den mystischen Sonnenaufgang aus dem Nebel

Finca Ixobel bei Poptún– eine einfache, aber grosszügige Eco Lodge/Ranch auf halbem Weg zwischen Rio Dulce und Tikal. Ausgezeichnetes Essen, Übernachtung in einem schönen «Baumhaus», tolles Horse Riding, eine spannende Höhle, ein idyllischer Natur-Badesee. Und ein supernettes Paar – Tina und Oliver – aus Zürich kennengelernt).

Chiquimula – eine lebhafte Stadt nahe an der Grenze zu Honduras. Mit einer riesigen chaotischen Busstation

Copán – ein bildschönes Städtchen im bergigen Wilden Westen von Honduras. Übernachtung im ViaVia,  in einfachem, sauberem Doppelzimmer mit WC, Dusche(10 Dollar pro Nacht!). Das ViaVia wird von einem liebenswerten belgischen Expat geführt, der sich nicht nur um seine Gäste, sondern auch um kranke Strassenhunde kümmert. Und die Küche ist hervorragend – insbesondere die asiatischen Menüs.

Copán Ruinas – eine der am besten erforschten Mayastätten – in einem grossen Baumparkgelände.

Macaw Mountain Vogelpark bei Copán – ein privater Zoo (lebt nur von Spenden und den  Eintrittsgeldern), der alle bedrohten Arten von Papageien hält, kranke Tiere aufzieht, und sie vorbereitet auf die Freilassung.

Aguas Caliente «Jaguar» – wohl das kleinste, natürlichste, wildeste und schönste Thermalbad der Welt. Man erreicht es in einer einstündigen Fahrt auf holpriger Naturstrasse mitten in der Bergwelt Honduras’.

Begegnungen, die haften bleiben

Was unser Segler-Reise-Leben seit Beginn an erst richtig wertvoll macht, sind die Begegnungen mit besonderen, sympathischen Menschen. Das ist auch hier in Guatemala wieder der Fall.
Tom – der Guatemala-Beizer aus Pratteln.
Oliver und Tina aus Zürich, die eine mehrmonatige Sabbaticalreise durch Mittelamerika machen. Lynette und Curt aus Australien. Sie reisen seit drei Jahren um die ganze Welt, respektive in der ganzen Welt herum. Per Motorrad.
Laura, eine sympathische grossgewachsene mutige Deutsche. Sie bereist als Bagpackerin ein Jahr lang Süd- und Mittelamerika – ganz allein! Vielen Dank für die gemeinsamen Gespräche in Copán.
Marina und Klaus aus Aachen. Sie sind seit vielen Jahren mit dem Segelboot unterwegs. Wir haben uns hier im SunDog Café kennengelernt und es hat sofort «gefunkt». Wir sind sicher, das ist der Anfang einer tiefen Freundschaft.

Jetzt übergebe ich an Doris – sie hat einmal mehr viele wunderbare Fotos gemacht. Bis zum nächsten Mal.