15.10.2016 – 15.1.2017 Bocas del Toro – Providencia – Rio Dulce (Guatemala)

Zuallererst mal ein grosses Sorry für das lange Ausbleiben von Berichten von unserer Reise. Aber in den letzten drei Monaten ist mir die Lust am Schreiben völlig abhanden gekommen. Statt gemütliches Hüpfen von Insel zu Insel erlebten wir eine Pleite nach der anderen.

Vorneweg aber doch noch die schönen Erlebnisse im Oktober und November in Bocas del Toro:

Das Wiedersehen
Nach einem Jahr feiern wir freudiges Wiedersehen mit Sam und Margot. Sie kommen mit ihrer Segelyacht extra zu uns in die Marina Carenero. Wir geniessen die gemeinsame Zeit ganz besonders und machen wunderbare Ausflüge mit dem Lancha (Wassertaxiboot). Zuerst zur traumhaften Korallenriffinsel Zapatilla. Dann in das Naturreservat des Changuinola River. Dazu lassen wir am besten die tollen Fotos sprechen, die Doris gemacht hat.
Dann heisst es Abschied nehmen. Für wie lange? Sam und Margot reisen südwärts, wollen 2017 in die Südsee. Unser Kurs zeigt Richtung Nord…

Thanksgiving Day (24.November)
Alle Segler in der Marina feiern gemeinsam den Thx Day mit dem traditionellen Turkey und einem reichhaltigen Buffet. Ein toller gemütlicher Abend.

Die Seglerfamilie auf Carenero
In der langen Zeit hier in Bocas in der Marina Carenero haben wir viele neue Freunde kennengelernt. Allen voran Philippe und Diana aus Belgien und José aus Brasilien. Mit ihnen hatten wir viele wunderbare Erlebnisse und gemeinsame Fest-Essen. Dann David Goen (USA), Shelley und Russ (USA), David Jefferis (USA), Douglas (USA),  Michael (USA/Polen), Chris (UK), Jonathan (USA), Pedr und Char (Alaska), Bryan und Kerry (CA). T.C. (spricht 5 Sprachen perfekt) und Camie (USA, UK), Vitali (RU). Fernando und Julia (BR). Maria (Ven). Und Mary (USA), die Gastgeberin in ihrer Marina. Allen vielen Dank für die guten Gespräche während der Happy Hour und für die gegenseitige Hilfsbereitschaft und die vielen Tipps. Das macht das Seglerleben erst richtig wertvoll!

Jetzt kommt’s aber knüppeldick: PPP – Pleiten, Pech und Pannen

Hurrikan Otto
In der vorletzten Novemberwoche baut sich innert wenigen Tagen vor der Küste Kolumbiens ein gewaltiges Tiefdruckgebiet auf. Die Wetterberichte künden Wind und Regen in Orkanstärke an. Es wird zum Hurrikan der höchsten Kategorie. Und trifft mit Panama und Costa Rica Gebiete, die noch nie zuvor von einem Hurrikan heimgesucht worden waren. Der Klimawandel lässt grüssen.

Wir bereiten uns im gut geschützten Bocas del Toro darauf vor und sichern das Schiff doppelt und dreifach mit Leinen zum Steg. Zum Glück trifft es uns Segler hier dann nicht wirklich schwer. Es gibt ziemlich viel Regen, aber der Wind erreicht maximal Stärke 7, rund 30-35 Knoten. Und es bauen sich keine hohen Wellen auf.

An anderen Orten sieht es aber schlimm aus. In der Bucht von Portobelo (Panama), wo wir auch drei Wochen  gelegen haben, gehen 17 Schiffe auf Grund oder werden ans Ufer gespült. An Land gibt es in Panama und Costa Rica mehrere Todesfälle zu beklagen.

Der Elektronik Ausfall
Ein paar Tage danach, am 30. November, sind wir parat zum Weitersegeln. Der Abschied von den Freunden hier fällt schwer (wir waren fast ein Jahr hier), aber wir sind auch froh, endlich wieder neue Ziele anzupeilen. Das erste Ziel heisst Providencia, knapp drei Tage und Nächte entfernt. Doch nach gut elf Stunden der Schock: die elektronische Windmessanzeige und das Echolot (Tiefenmesser) fallen aus. Das ist weiter nicht so schlimm, aber kurz darauf fällt auch der elektronische Autopilot aus. Das ist eine mittlere Katastrophe, denn er steuert das Schiff selbsttätig und hält auch bei schwerem Wetter und hohen Wellen den vorgegebenen Kurs genau ein. Er ist neben den Segeln, dem Motor und den Elektronischen Seekarten/GPS das wichtigste Gerät an Bord. Ohne ihn muss man ständig von Hand steuern, und das ist extrem anstrengend. Ganz besonders in der Nacht und bei viel Wind und Wellen. Da ist man schon nach einer Stunde fix und foxi. Wir entscheiden uns daher zur Umkehr, denn wir wissen nicht, ob es auf der ultrakleinen Insel Providencia einen Elektroniker hat, der den Autopiloten wieder zum funktionieren bringt.

Per Iridium Satphon melden wir uns in der Marina wieder an und fragen unseren Freund Armin, ob er sofort kommen und uns helfen kann. Das klappt. 12 Stunden später sind wir zurück. Armin und Sam empfangen uns und fangen sofort mit der Fehlersuche an. Sie suchen mühsam alle Kabel und Wege ab. Dazu muss man hinter Decken und Wänden, unter dem Boden und in den Ablagefächern forschen. Einen Verkabelungsplan gibt es natürlich nicht, und die Kabel sind auch nicht markiert… Nach gut 6 Stunden werden sie fündig. Es ist ein korrodierter Anschluss. Armin verbindet alles wieder sauber.  Das war eine Superhilfe. Vielen vielen Dank an Armin und Sam!

Der Neustart
Wir warten noch einen Tag, testen es einige Stunden lang. Alles ok. Kein Ausfall. Am 3.Dezember sagen wir allen nochmals adieu und nehmen ihre guten Wünsche mit, dass es jetzt endlich klappen wird mit unserer (inzwischen dritten) Abreise von Bocas.

Der frischste Fisch
Wir sind wieder guten Mutes. Tatsächlich verläuft jetzt die dreitägige Reise vorerst ohne Probleme. Unterwegs fangen wir sogar wieder einmal einen Tuna. So gibt es den wohl frischesten Fisch aller Zeiten. Um 18 Uhr aus dem Wasser geholt, filetiert und um 18. 45h gegessen. Es schmeckt wunderbar.

In der Nacht gibt’s einen plötzlichen harten Rumpler – Päng. Was war das? Ein Wal? Oder ein grosses Stück treibendes Holz (vom Hurrikan) ? Wir wissen es nicht. Es ist aber noch alles ok und so segeln wir weiter.

Der Elektro-Schock
Am Morgen des 6.Dezember sind wir vor Providencia. Nur noch zwei Stunden und wir haben es geschafft! Wir starten den Motor und steuern auf die knifflige, weil schmale und untiefe Einfahrt in die Ankerbucht zu. Plötzlich schreit Doris Alarm! Aus einem Schapp riecht es nach verbranntem Gummi. Tatsächlich ist der Distributor glühend heiss. Er verteilt den Ladestrom von der Lichtmaschine auf die vier Service- und auf die Starterbatterie. Wir ahnen böses. Sofort Motor aus und abkühlen lassen! Aber für die Einfahrt müssen wir den Motor wieder starten. Wir warten bis zum letzten Moment, holen die Segel runter und  fahren dann durch die riffgespickte Einfahrt. Es geht alles gut.

Wir ankern neben unseren Schweizer Seglerfreunden Rolf und Claudia – das Wasser ist hier in der ganzen Bucht nur knapp über 2 Meter tief – und die Riocaja hat 2m Tiefgang!  So haben wir nur noch 20 -30 cm Wasser zwischen Kiel und Grund. Knapper geht’s nicht. Zum Glück ist der Tidenhub hier nur sehr gering.

Die Whatsapp Hotline
Statt gemütliches Inselerkunden und Relaxen heisst es jetzt unser neues Problem lösen. Es wird zu einem echten Elektro-Drama in vielen Akten.  Providencia hat nur 4000 Einwohner. Wir sind weitab von Landstrom. Wir stellen unsere zwei Kühlschränke ab und reduzieren den Strombedarf auf das absolute Minimum. Wir bauen eine Whatsapp-Hotline in die Schweiz zum Marineelektroniker Veit Zgraggen auf. Über mehrere Tage gehen wir jetzt den Dingen auf den Grund. Das Resultat ist verheerend. Wegen des kaputten Distributors floss viel zu viel Ladestrom (19Volt!) in die Batterien. Alle Batterien sind praktisch am Lebensende. Dazu ist auch das Netz/Ladegerät kaputt, dh wir können die Batterien nicht mehr mit dem Dieselgenerator laden, sondern nur noch mit Motor/Lichtmaschine. Endlich kommen dann auch zwei lokale Elektriker an Bord – und die können uns tatsächlich auch weiterhelfen. Mit Hotline und Elektriker schaffen wir dann schier unmögliches: Wir kaufen 5 Autobatterien. Wir bauen eine neue Lichtmaschine ein (die haben wir an Bord gehabt). Alle Batterien werden sorgfältig neu verkabelt, etc etc.. Diese ganze unendliche Elektro-Geschichte dauert gut drei Wochen. Mit Hoffen und Bangen. Unser Dank gilt dem Hotliner Veit in der Schweiz und den zwei Elektrikern Mr. Bing und Sohn Pablo. Die Zwei waren ein Super Team. Und Rolf und Claudia haben uns sowohl technisch wie moralisch stark unterstützt.

Weihnachts/Neujahrsbesuch ist futsch!
Am 23. Dezember segeln wir endlich wieder los. Wir sind natürlich viel zu spät. Denn In Belize (5 Tage entfernt) sind bereits Tochter Anja und Freund Patrick angekommen.  Aber wir hoffen doch noch auf aufs Wiedersehen und auf 8 bis 10 gemeinsame Segeltage. Der Wetterbericht  sagt keinen Sturm, aber doch starke Winde voraus. Wir sind trotz allem guten Mutes. Hoffen und freuen uns auf Anja und Patrick.

Vorsegel kaputt – Navi kaputt – Autopilot kaputt
Aber es soll einfach nicht sein.  Das Pech verfolgt uns weiterhin: Wir segeln bei starkem Wind und kommen gut voran. Aber plötzlich fällt unser elektronisches Bordnavigationssystem erneut aus. Aber wir haben ja noch den ipad, mit dem wir navigieren können. Dann können wir das Vorsegel nicht ganz einrollen – ein Fehler von mir! – und ein Teil flattert und schlägt im starken Wind – und zerreisst so mehr und mehr. Mit dem Grossegel kommen wir aber noch gut voran.

Doch dann der nächste Schock: Windmesser und Autopilot fallen auch aus – natürlich mitten in der Nacht. So heisst es für uns einmal mehr umkehren! Denn vier Tage und Nächte ununterbrochen von Hand steuern – das schaffen wir nicht.  Und nur den Rückweg finden wir auch ohne Navigation/GPS – nur mit dem Kompass. Unsere gemeinsamen Ferien mit Anja und Patrick sind endgültig futsch!

Wir sind total demoralisiert – aber wir haben keine Zeit zum Nachdenken.  Der Wind nimmt auf dem Rückweg stetig zu. Wenn jetzt noch der Motor ausfällt, dann sind wir wirklich in Seenot!  Und im Motorraum hat’s ein Leck beim Auspuffeingang! Und im Dieselvorfilter sammelt sich Dreck. Wir leben nicht mehr – wir funktionieren nur noch. Hans pausenlos am Steuer – Doris muss jede halbe Stunde in den Motorraum, und das Leckwasser mühsam (mit einem Becher, Bilgenpumpe ist auch defekt)a us der tiefen Bilge unter dem Motor schöpfen – dann Motor abstellen  – Dieselvorfilter reinigen – Motor wieder an. Doris wird es kotzübel – vor lauter Dieselgestank und der drückenden Hitze im Motorraum. Jedesmal muss sie sich wieder aufraffen etc. etc.

Sturmsquall
Und dann kommt noch ein Super Sturmsquall: Wind Stärke 9 – 10, Regen und Gischt – Man sieht nichts mehr. Das dauert endlose 45 Minuten! Wir sind am Ende – aber wir schaffen es schliesslich zurück nach Providencia. Total erschöpft, kaputt, entmutigt und demoralisiert. Das waren die schlimmsten zwölf Stunden in unserem Leben.

Zum Glück gibt’s Segelfreunde: Rolf und Claudia (CH, Santa Gallina), John und Debbie (GB, OrionIII), Paul und Mary (Canada, Genesis I). Sie helfen uns, wieder auf die Beine zu kommen, Moral zu tanken, Zuversicht zu gewinnen, nach vorwärts zu schauen.

Autopilot repariert
Die Elektriker sind auch gute Mechaniker: Mr.Bing & Son dichten das Leck am Auspuffeingang  so gut es geht mit hitzebeständigen Dichtungsmitteln. Aber sie sagen klar: das müssen wir sobald wie möglich richtig machen. Hier fehlen Material und die technischen Möglichkeiten (Schweissen).  Da wir mitten in  den Feiertagen/Silvester/Neujahr sind, dauert das ganze auch wieder eine Woche.

Wie weiter?
Das Vertrauen in uns und in unsere Schiffselektronik ist auf dem Nullpunkt. Aber wie kommen wir hier weg? Wo wollen wir hin? Wo können wir unser Schiff reparieren?  Wir entscheiden uns für Rio Dulce in Guatemala. Dort gibt es professionelle Hilfe. Es ist Hurrikansicher. Es hat Marinas mit 230 V Landstrom und man kann das Boot auch aus dem Wasser nehmen.  Es sind aber 550 Meilen = 5 Tage. Zu zweit wollen und können wir das momentan nicht machen. Über amerikanische Freunde finden wir einen professionellen Skipper.

Der Captain aus Amerika
Steven kommt am 4. Januar nach Providencia. Er soll uns als verantwortlicher Captain zum Ziel führen. Sein Background ist gewaltig. Er zeigt uns seinen Lebenslauf. Lauter stolze Lizenzen und unzählige Erfahrungen. US-Captain-Lizenz für Schiffe bis 500 Tonnen. Ist nebenbei auch Tauchlehrer etc. etc. Wir sind beeindruckt. Und guter Dinge. Der Druck ist weg. Von ihm können wir sicher viel lernen.

Die Realität holt uns leider bald ein. Steven checkt uns und unser Schiff nur halbherzig. Er scheint völlig konzeptlos, stellt keine Fragen, denkt wohl, wir sind blutige Anfänger, die es mit der Angst zu tun haben. Wir sind etwas verunsichert. Aber wir wollen weg. Der muss doch was können.

Der Wetterbericht ist nicht besonders verheissungsvoll. Aber wir wollen los. Und der Kapitän hat ja alles unter Kontrolle – mit seinen zig tausend Meilen und Erfahrungen im Rucksack. Er sieht auch keine Bedenken. Die von uns vorgeschlagene Route schaut er gar nicht richtig an – das ist doch alles kein Problem. Peanuts. Da gibt’s nichts zu diskutieren. Obwohl wir durch gefährliches Gewässer müssen. Flaches Wasser. Riffe. Berichte von Piraterie vor der Küste Honduras’ im Hinterkopf.

So starten wir am 5. Januar in unser nächstes Abenteuer. 550 Meilen bis Rio Dulce. Notdürftig gedichtetes Leck im Motorraum. Und schweres Wetter im Anmarsch. Nicht sofort. Aber in zwei drei Tagen.

Es beginnt mit schwachem Wind. Kurs ziemlich genau Nord. Wir haben nur ein kleines Vorsegel, die Genua ist ja kaputt. So sind wir sehr langsam. Mit diesem Tempo brauchen wir sicher einen Tag länger.

Dank günstiger Strömung kommen wir dann doch gut voran und schaffen in den ersten 24 Stunden 100 Seemeilen, das sind 5 Knoten pro Stunde. Wir sind im Zeitplan. Der Kurs zeigt jetzt gegen Westen, der Wind kommt von hinten, wir werden richtig schnell.

Gefährliches Gewässer
Wir erreichen den Cayo Gorda, nordwestlich vor Honduras’ Nordostkap, wechseln den Kurs von Nord auf West Richtung Bay Islands. Der Wind kommt von schräg hinten, das ist angenehmer und schneller. In der Nacht fahren wir ohne Navigationslichter, in diesem Gebiet hat es schon mehrere Piratenüberfälle auf Segelyachten gegeben.

Der Wind nimmt stetig zu. Aber wir kommen weiter gut voran. Wir sehen am Horizont zum Glück nur die Lichter von Fischerbooten. Und zwei Frachtschiffe kreuzen unseren Weg.

Ein Schiff kommt von hinten genau auf uns zu. Unser mutiger Captain wittert (Piraten) Gefahr und wird plötzlich extrem nervös. Dabei sieht man auf dem Bildschirm dank dem AIS (Automatic Identification System) klar, dass es sich um ein Frachtschiff handelt. Piraten heben bestimmt keinen AIS Sender an Bord…die sind wohl wegen des Sturmwetters zu unserem Glück zu Hause geblieben.

Gefangen im Fischernetz
Statt den Piraten ereilt uns aber in der zweiten Nacht genau um Mitternacht ein weiteres Unheil. Ich bin am Steuer und plötzlich kann ich nicht mehr am Ruder drehen. Das Schiff steht einfach still und will nicht mehr vorwärts. Was ist passiert? Wir sind in ein Fischernetz gefahren und ein Seil hat sich zwischen Kiel und Ruder verhakt. Ein Seil erkennen wir rechts vom Boot im Licht der Taschenlampe. Wir angeln es mit  dem Bootshaken hoch und schneiden es durch. Aber das nützt gar nichts, wir sitzen immer noch fest.

Captain Steve versucht es jetzt mit Motorkraft. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelingt es ihm tatsächlich freizukommen, mit Rückwärtsfahrt und einem «Rückwärtskreis fahren». Das war wirklich Glück, denn er gesteht uns, dass er sowas noch nie erlebt hat. Beim Manövrieren hat er es fertig gebracht, das Getriebe zu blockieren, so wild hat er am Gashebel zwischen Vor- und Rückwärtsfahrt gehebelt. Die Blockade können wir zum Glück wieder lösen. Und weiterfahren.

Bei der Motorfahrt rumpelt es aber unter unserem Schiff gewaltig. Wahrscheinlich hat sich ein Stück Seil im Propeller verwickelt. Am Morgen beruhigt sich das Wetter, die Sonne scheint. Nur noch schwacher Wind, aber unangenehme Dünung (Schaukeln in den Wellen).

Notstop mitten auf dem Meer
Wir wollen nachschauen, was mit dem Propeller ist. Mitten in der karibischen See. Weit und breit ist kein Land in Sicht. Captain Steve erklärt sich bereit, ins Wasser zu springen und nachzuschauen.
Wir haben Bedenken, ob und wie er wieder an Bord kommt. Wir haben nämlich nur eine kleine Fenderadeleiter, die wir an der seitlichen Bordwand befestigen können. Man kommt da nur hoch, wenn man sportlich und geschickt ist und das Schiff wenig schaukelt. Die Hauptleiter am Heck kann nicht benutzt werden, weil das bei heftigem Auf/Ab des Schiffes lebensgefährlich ist!

Wir lassen eine Leine ins Wasser, an der er sich festhalten kann. Steven ist klein, korpulent und überhaupt nicht sportlich. Und mit Flossen und Taucherbrille bewaffnet. Und er will schon ins Wasser springen, als die Segel noch oben sind und wir noch Fahrt machen! Und er hat überhaupt keine Bedenken wegen der Rückkehr über die Leiter! Er ist vom Wahnsinn umzingelt!

Wir holen die Segel runter. Steve  springt, taucht – und tatsächlich kann er mit einem scharfen Messer ein Seilknäuel vom Propeller trennen. Das hat er wirklich gut gemacht!

Hai in Sicht
Doch an der Leiter kommt er überhaupt nicht hoch – genau wie wir es erwartet haben. Er klammert sich an der Leiter fest, ist halb an der Leiter und halb im Wasser. Und Doris sieht plötzlich einen Hai unter ihm! Jetzt ist Captain Steve nicht nur vom Wahnsinn, sonder auch von einem Hai umzingelt. Es kommt Hektik auf. Wir schlaufen ein Seil unter ihm durch, damit er sich drauf setzen kann. Jetzt können wir ihn mit der Winch hochkurbeln.

Das Manöver glückt zum Glück. Steven ist wieder an Bord. Wir atmen durch. Aber er hat sich beim Seil losreissen eine Sehne der rechten Schulter gezerrt.

Wasserchaos
Wir segeln weiter. Der Tag verläuft weiter ohne Probleme. Die Nacht auch. Wir haben nur leichte Winde. Ist das die Ruhe vor dem Sturm? Doris checkt noch einmal das ganze Schiff durch, und was entdeckt sie? In der Toilette von Steve herrscht nasses Chaos – er hatte vergessen, den Wasserzulauf zu schliessen. Und in seiner Kabine vorne ist ebenfalls Wasser eingedrungen. Die Matratzen sind teilweise durchnässt. Steve hatte uns überhaupt nichts davon gesagt, sondern er hat einfach seine Schlafposition „angepasst“.

36 Stunden im Sturm
Der Sturm kommt am nächsten Tag. Etwas früher als vorhergesagt und stärker. Bald haben wir Windstärke 8, dh 35 bis mehr als 40 Knoten (80kmh). Wir haben nur das Grosssegel gesetzt, kleingerefft von 46 auf ca. 17 m2.  Die Wellen werden immer höher, die Sicht in der Gischt immer schlechter. Der Wind heult in der Takelage. Die Riocaja pflügt sich aber tapfer und gut durch die aufgewühlte See.

Stahlrohr gebrochen
Plötzlich schlägt unser Dinghy wild hin und her. Es ist am Heck an zwei Stahlrohr-Kranträgern aufgehängt. Die zwei Träger sind mit einem Querrohr verbunden, das die Hin- und Herbewegung stabilisieren soll. Dieses dicke Rohr ist an einer Schweissnaht einfach durchgebrochen! Wir können nichts anderes tun, als das Rohr wegzunehmen und zu hoffen, dass die zwei Träger dem Wellengang und den Schlägen weiter standhalten. Sonst wäre das Dinghy verloren. Mit bangem Blick schauen wir fortan nach hinten und sehen, wie Kranträger und Dinghy böse hin-und herschaukeln. Zum Glück halten die Träger die folgenden Tage durch und so wir bringen das Schlauchboot bis ins Ziel. Es ist noch ok, aber die neue Stoffschutzabdeckung ist an vielen Stellen gerissen.

Die Abdrift
Der seitliche Druck aufs Schiff, von Wellen, Strömung und Wind ist in diesem Sturm enorm. Das ergibt eine sogenannte Abdrift. Um das zu verdeutlichen: Unser Kurs ist genau Richtung West = 270 Grad (Kurs über Grund). Damit wir diesen Kurs einhalten können, müssen wir aber «vorhalten». Das heisst wir steuern es jetzt im Sturm Richtung 305 und mehr Grad (Kompasskurs). Die Abdrift (seitliche Versetzung) beträgt also 35 und noch mehr Grad!

Wir müssen den Kurs von 270 Grad genau einhalten. Werden wir nämlich vom Kurs abgetrieben, fahren wir auf flaches Wasser und Riffe zu! Das erfordert volle Aufmerksamkeit am Steuer und Kompass. Sobald die Tracklinie wegen der Abdrift von der vorgegebenen Route abweicht, muss man den Kompasskurs entsprechend wieder um ein oder mehrere Grad korrigieren.

Kurs aufs Riff!!
Da kommt unser Captain wieder ins Spiel. Er übernimmt die Wache, wir zwei versuchen, etwas zu schlafen. Eineinhalb Stunden später wache ich auf, ich checke die Kurslinie auf dem Kartenplotter und stelle erschreckt fest: Wir fahren genau auf das Riffgebiet zu. Wir stürzen nach oben und sehen Captain Steve seelenruhig im Cockpit sitzen. Er hat doch tatsächlich nicht ein einziges Mal den Kurs geprüft und korrigiert!! Wir müssen sofort den Motor starten, um mit aller Kraft gegen Sturmwind und Wellen wieder auf die Kurslinie zurückzukehren.

Jetzt ist der letzte Rest von Vertrauen im Sturm verweht. Fortan lassen wir Steve nicht mehr allein an Deck! Die Stimmung an Bord ist entsprechend gereizt. Die Nerven liegen blank. Das war weniger als fünf vor Zwölf! Und Steve versucht noch, sich herauszureden…

Es geht weiter – und nach 36 Stunden ist der Sturmwind vorbei. Wir können aber nur kurz durchatmen. Gut drei Stunden segeln wir durch die Nacht mit beachtlichem Tempo und Wind von schräg hinten. Plötzlich stellt der Wind ab, als hätte man auf einen Knopf gedrückt. Wir schaukeln hin und her und warten, bis wieder Wind aufkommt. Der kommt tatsächlich wieder – aber von vorn –  genau der entgegengesetzten Richtung! So was haben wir noch nicht erlebt. Wir holen die Segel runter, starten den Motor und kämpfen uns jetzt gegen Wind, Wellen und Strömung mühsam voran. Statt 6 – 7 Knoten machen wir jetzt nur noch  2-3 Knoten. Und durch das heftige Stampfen des Schiffes bricht das Leck im Motorraum wieder auf.

Jetzt müssen wir jede Stunde stoppen und das Wasser aus dem Motorraum herauspumpen. Dann schon jede halbe Stunde.  Und wir sind noch fünf Stunden vom rettenden Ziel entfernt. Hoffentlich hält das Leck «durch».

Im Schlepp ans Ziel
Aber es soll nicht sein. 15 Seemeilen vor dem Ziel ist die Naht am Kühlwasserrohr komplett aufgebrochen, alles Kühlwasser fliesst jetzt in den Motorraum. Das heisst sofort Motor stoppen und das Seewasserventil schliessen. Wir hissen die Segel und versuchen aufzukreuzen. Aber der Wind kommt natürlich genau von vorn. Wir kommen dem Ziel nur minimal näher. Wir brauchen Hilfe.

Über Funk erreichen wir niemanden, der in der Nähe ist. Wir rufen mit Iridium Satfon unsere Freunde Tomaso und Rosetta an, die uns in Rio Dulce erwarten. Die Verbindung ist grottenschlecht, bricht immer wieder ab und man versteht kein Wort. Wir versuchen es mit SMS, und das gelingt. Unsere Freunde erkennen die Notsituation und organisieren ein Abschleppboot.  Eineinhalb Stunden später ist es da.

Es zieht uns in der einbrechenden Nacht über die flache, versandete Einfahrt des Rio Dulce zum kleinen Grenzort Livingston. Um 19 Uhr fällt der Anker. Wir sind in Guatemala angekommen.

Abenteuer überstanden – Adios Capitano  – Willkommen in Guatemala
Tags darauf klarieren wir in Guatemala ein und werden dann vom Schleppboot in einer dreistündigen wunderschönen Fahrt den Rio Dulce hinauf zur Luvis Marina gezogen. Tomaso und Rosetta empfangen uns. Die stürmische Abenteuerfahrt ist beendet. Erste Handlung nach dem Anlegen: Wir schicken unseren Captain Steve sofort auf die Heimfahrt. Bei Doris fliessen keine Abschiedstränen. Erst dann gibt es den verdienten Manöverschluck, mit Rosetta und Tomaso, der Druck fällt von uns ab. Willkommen in Rio Dulce. Wir sind im «sicheren Hafen».

Vielen Dank, Rosetta und Tomaso!
Die Riocaja hat sich im Sturm zwar bestens bewährt, sie ist sehr stabil und stark gebaut. Sie ist aber trotzdem ziemlich «angeschlagen». An vielen Stellen ist Wasser eingedrungen. So ist in den ersten Tagen erstmals putzen und trocknen angesagt. Wir geniessen noch einige schöne Tage mit Rosetta und Tomaso, ehe sie uns am 16. Januar verlassen und mit ihrem schönen Schiff «Manaja» in See stechen. Vielen vielen Dank für eure Hilfe und eure Freundschaft. Jetzt fliessen die Tränen wieder…

Refit statt Flickwerk
Wir diskutieren und prüfen das Schiff mit dem Marinaboss, mit Mechaniker, Elektroniker, Rigger und Segelmacher. Nach reiflicher Überlegung entscheiden wir uns, nicht einfach nur die nötigsten Reparaturen zu machen, sondern ein komplettes Refit. Schliesslich ist die Riocaja schon 23 Jahre alt. Und die Fahrt im Sturm hat gezeigt, welch enormen Belastungen ein Boot ausgesetzt ist. Nur so können wir wieder Vertrauen gewinnen und mit Zuversicht und gutem Gewissen lossegeln. Ohne die Angst – was geht denn jetzt schon wieder kaputt!

Rio Dulce – ein Naturparadies
Rio Dulce ist ein herrliches Süsswasser-Naturgebiet, zwischen zwei grossen Seen gelegen, inmitten schönstem tropischen Regenwald. Es ist beliebt bei den Seglern, weil es hurrikansicher ist. Das Klima ist angenehmer als direkt an der Küste oder auf den Inseln. Es hat viele kleine schöne Marinas. Jeden Morgen und Abend kommen die Brüllaffen fast bis zu den Booten und heulen in den Bäumen.
Und der gemütliche Seglertreffpunkt – das Sundog Cafe – wird von Tom geführt, einem Basler, der früher auch mal in der Basellandschaftlichen Kantonalbank in Liestal gearbeitet hat…

Es geht voran – im Karibikrhythmus
Mit Freude stellen wir fest, dass die Spezialisten hier ihr Handwerk bestens verstehen. Natürlich geht es nicht so zackig voran wie wir Europäer das gewohnt sind. Der Rhythmus ist halt karibiklike. Manche Ersatzteile und neue Ausrüstung müssen wir aus Europa und USA bestellen. Aber erstaunlich viele Dinge gibt es auch direkt hier im geschäftigen Ort Fronteras oder in der Bezirkshauptstadt Morales.  Wir sind zuversichtlich, dass die Riocaja bald wieder in neuem Glanz erstrahlen wird.

Neben den intensiven Arbeiten an unserem Schiff nehmen wir uns auch Zeit für kleinere Ausflüge. Darüber berichte ich dann im nächsten Blog.

Von unserer Sturmfahrt nach Guatemala haben wir fast keine Bilder. Die Situation mit/wegen unserem Captain war dermassen angespannt, dass wir das Fotografieren komplett ausser acht gelassen haben. Wir bitten um Entschuldigung.

 

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