22.6. – 10.8.15 Trinidad – Blanquilla – Los Roques – Los Aves – Curacao – Klein Curacao – Curacao

Hoppla, das sind ja schon fast zwei Monate seit dem letzten Bericht! Ich muss schauen, dass der neue Blog nicht zu lang wird. Drum leg ich gleich los:

Reparaturen und Leatherbacks
23.6. – 29.6. Trinidad, Chaguaramas, Reparaturen am Motor und am Generator, wie immer erst in letzter Minute fertig. Dazwischen ein Top-Highlight: Wir schauen den riesigen Leatherback-Schildkröten bei der Eiablage zu!

Zwischenstopp
30.6. – 2.7. Wir segeln von Trinidad zur Insel Blanquilla (gehört zu Venezuela). 208 Seemeilen in 30 Stunden. Ankunft mitten in der Nacht bei heftigem Wind. Kein guter Ankerplatz, darum segeln wir tags darauf gleich wieder weiter.

Los Roques – das wahre Paradies für Segler
2.7. – 3.7. In 22 Stunden speeden wir (immer gemeinsam mit Sam und Margot auf der „Margot“) mitten in die traumhafte Insel-und Riffwelt des Los Roques-Archipels. . Nur eine der vielen Inseln und Buchten ist bewohnt: Gran Roque ist ein wunderschöner kleiner Ort, auf Sand gebaut, mit einem Flugplatz für kleine ein- und zweimotorige Flugzeuge. In diesem riesigen unter Naturschutz stehendem Gebiet tummeln sich nur wenige hundert venezolanische Ferien-und Wochenend-Gäste und eine Handvoll Segelyachten. Hier ist man wirklich am schönsten Ende der Welt. Und was es für uns noch schöner macht:

Noch nie so viel Geld bezahlt und so günstig gelebt
3.7. – 10.7. Ein Widerspruch? Nicht im geringsten! In Gran Roque angekommen, müssen wir gleich an fünf verschiedene Stellen zum Einklarieren. Die Einreise- und Aufenthaltsgebühr im Naturpark müssen wir in venezolanischen Bolivars (VEB) bezahlen. Da wir keine haben, müssen wir in die Apotheke (!) zum Wechseln. Doris legt 300 US-Dollar auf die Theke… und kommt mit einem Berg von Banknoten wieder heraus: ganz genau sind es 123‘000 VEB. In der Folge haben wir Mühe, das Geld wieder los zu werden. Erstens ist für uns alles unfassbar günstig, und zweitens gibt es hier nur beschränkt Waren zu kaufen. Jede Woche kommt ein Schiff mit Lebensmitteln und Getränken. Und diese sind nach wenigen Tagen wieder aufgebraucht. So kommt es, dass wir zwar gerne Lebensmittel und Bier (800VEB/20 Rappen) gebunkert hätten, es aber nicht bekommen. Aber trotzdem leben wir hier wie die Fürsten. Es hat einige gute bis sehr gute Restaurants, sogar einen Italiener (keine Pizzeria!)! Einige Preise gefällig? Bier 2000VEB/50 Rappen, feine Pasta 12000VEB/3 Franken, riesige, ausgezeichnete Pizza 8000 12000VEB/2-4 Franken, Frischer Fisch 10000VEB/5 Franken, frisch gepresster Mangosaft 1200VEB/40 Rappen. Kein Wunder, haben die Restaurants praktische Notenzählmaschinen beim Einkassieren!

Aerztliche Versorgung zum Nulltarif
Kurz vor der Ankunft in Gran Roque habe ich mir mit einer ungeschickten und gefährlichen Aktion den Mittelfinger massiv gequetscht. Doris hat ihn sofort geschient. Trotzdem möchten wir wissen, ob etwas gebrochen ist. So gehe ich drei Tage später zum Arzt. Und siehe da: Im kleinen Dorf Gran Roque hat es ein Ambulatorium mit modernster Einrichtung. Sie röntgen und schienen den Finger…zum Glück ist er nur leicht angebrochen. .. und was kostet es es? Gar nichts … Eine „sozialistische“ Errungenschaft im Chaosland Venezuela. Alle westlichen Länder warnen vor dem Besuch des Festlands, wo Inflation, Gewalt und Kriminalität vorherrschen. Auf den Los Roques Inseln ist davon nichts zu spüren. Die Leute sind fröhlich und wahnsinnig nett. Wir erleben hier wunderbare erholsame Tage!

Ja, auf den Los Roques hätten wir es gut und gerne noch einige Wochen ausgehalten. Nicht wegen des Geldes, sondern wegen der unzähligen schönen und meist einsamen Ankerplätzen, mit kristallklarem türkis Wasser. Aber es fällt uns trotzdem nicht schwer, weiterzureisen. Denn in einer Woche erwarten wir Besuch von Tochter Anja und Freund Patrick.

Was sind Boobies?
14.7. So segeln wir am 14.7. weiter, genau auf Westkurs 270 Grad, und treffen nur sechs Stunden später auf das nächste Insel/Riff-Paradies: die unbewohnten Islas Aves de Borlavento.
Hier sind wir zwei Yachten Riocaja und Margot absolut allein, mitten unter tausenden von Vögeln, vor allem den Boobies, grosse elegante Flieger. Ihr Markenzeichen: rote Krallenfüsse. Sie sind ohne jede Scheu und fliegen nur knapp über unseren Köpfen mit auf unserer Dinghy-Erkundungstour. Einfach gewaltig.

Wir bleiben eine Nacht und einen Tag, wandern und schnorcheln auf einer kleinen Insel, auf der früher mal Fischer gewohnt haben müssen. Was etwas traurig stimmt: Auch in dieser prachtvollen weitläufigen Natur hat es enorm viel angeschwemmten Plastikmüll.

Seit wann liegt Holland in der Karibik?
17.7. Nächstes Ziel ist Curacao, die grösste der sogenannten ABC-Inseln Aruba, Bonaire und Curacao. Sie alle gehören zu den niederländischen Antillen. Wir sind ziemlich geschockt, als wir in der fjordartigen Spanish Water Bay vor Anker gehen. Rundum ist alles verbaut und das Wasser ist trüb und grün. Was für eine Diskrepanz zu Los Roques und Los Aves! Aber das touristische und „europäische“ hat auch seine Vorteile: Hier kannst du alles kaufen, die Infrastruktur ist voll ausgebaut… und es hat einen grossen Flughafen mit Direktflügen nach Amerika und Europa.

Hurra – der Besuch ist da!
Dort begrüssen wir am 19. August Anja und Patrick. Sie kommen für zweieinhalb Wochen auf unsere Riocaja. Was für eine Freude! Unser Schiff ist frisch geputzt und gestrählt.

Wandern und Wildern verboten!
20.7. – 26.7. Die erste Woche mieten wir ein Auto und erkunden die Insel von Süd bis Nord. Wir erklimmen den höchsten Berg (375m!). Das ist aber ziemlich tricky und kurz vor dem Ziel richtig felsig und alpin. Wir kurven durch den Christoffel-Naturpark. Die Strasse ist so steil, dass wir unseren Kia Picanto über eine Klippe hochstossen müssen. Wir wandern im Kaktusdschungel auf stachelig-verschlungenen Pfaden. Dass dies anscheinend verboten ist, merken wir, als urplötzlich ein Ranger mit Machete vor uns steht. Er lässt uns aber springen, denn eigentlich sucht er nach Wilderern, die Iguanas jagen. Und so sehen wir ja wirklich nicht aus. Wir sehen Flamingos in Salzseen. Wir besuchen an erhöhter Lage ein altholländisches Landhuis,das heute eine Stiftung und Werkstätte für Behinderte ist. Dort „verblute“ ich beinahe, als ein Dornstachel durch meine Slippers und meine Hornhaut hindurch bis in die Ferse eindringt.

Einige Tage verbringen wir auch ganz klassisch am Sandstrand auf einer Liege, unter Palmen, mitten unter holländischen Feriengästen. Zur Happy Hour von 17 bis 18 Uhr gibt’s tolle Partystimmung: Kein Wunder, denn für ein Bier gibt’s ja gleich zwei!

Abschied von Sam und Margot
Leider heisst es einmal mehr auch wieder Abschied nehmen, denn Sam und Margot reisen für zwei Monate nach Hause – ihre Tochter feiert Hochzeit! Wann sehen wir uns wieder? Vielleicht in Panama im Februar 2016? Vielen Dank für die schönen zwei Monate gemeinsamer Reise und auch technischer Hilfe. Denn Sam hat uns bei unseren Schiffs-, Segel- und Motorproblemen viel geholfen und beigebracht. Unter anderem kann jetzt Doris das lockere Getriebe wieder festschrauben!

Doch wo bleibt des Seglers wahre Freude, wo sind die wunderschönen einsamen Buchten? Anja und Patrick sind ja auch deswegen so weit gereist. Auf Curacao selbst sind alle Strände mit türkis Wasser verbaut mit Hotels und bevölkert von tausenden holländischen Feriengästen.

Ja, doch. Es gibt ein solches Ziel: Die Insel heisst Klein Curacao und liegt knapp 12 Seemeilen entfernt, ostwärts. Dh leider genau gegen den Wind, gegen die Wellen und gegen die Strömung. Somit für Segler gar nicht gut erreichbar. Wir wagen es trotzdem, der Wind bläst stark. Wir versuchen es zuerst mit Segeln hart am Wind. Das fruchtet aber gar nicht, es bleibt uns nur eins: Segel rein, Motor an und volle Kraft voraus. Aber was heisst volle Kraft? Statt 6 Knoten Fahrt schaffen wir nur 2 Knoten. Statt zwei Stunden benötigen wir mehr als sechs Stunden.

Der Erste Fisch?
Mitten im Wind- und Wellengetöse spannt sich unsere Angelleine. Ist es wirklich real? Ja! Nach mehr als einem Jahr beisst endlich der erste Fisch an. Und was für einer: ein prächtiger Mahi-Mahi (Gold-Makrele). Sein Unterleib glitzert gelbgrün.Er kämpft wie wild ums Überleben, wir ziehen wie wild die Leine ein. Und da – kurz vor dem an Bord holen kann er sich verdammt nochmal los reissen und verschwindet in den Fluten. Der Frust sitzt tief, die Vorfreude auf ein Festmahl ist dahin.

Klein Curacao – oho!
27.7. – 2.8. Da tut es unserer Seele besonders gut, als wir Klein Curacao erreichen: ein Juwel! Kilometerlanger Strand, mit goldgelbem feinstem Korallensand, das klarste türkisblaue Wasser, das wir bis jetzt gesehen haben. Schöne Fische, Schildkröten, Mantas. Ein alter Leuchtturm, einige Palmhütten und fast keine Menschenseele.

Wir sind die einzige Segelyacht vor Anker. Tagsüber kommen zwei bis drei Touristenschiffe mit Tagesgästen. Aber um 15 Uhr heisst es für sie heim nach Curacao, die Insel gehört wieder uns und einigen wenigen Fischern. An einem Abend laden sie uns zum Nachtessen ein, so kommen wir doch noch zu unserem Fisch-Festmahl. Und sie mixen uns einen Mojito, statt Pfefferminze ist Oregano drin. Der Drink ist gewöhnungsbedürftig. Wir entsorgen ihn heimlich im Sand.

Wir geniessen fünf wunderbare Tage und Nächte. Mit Sandwandern, Planschen, Schnorcheln, Spielen, Jassen… und etwas Arbeit: Mit einem Spachtel am Besenstiel tauchen wir ab und „befreien“ unser Unterwasserschiff von Muscheln-, Gras- und Algenbewuchs, so weit es überhaupt geht. Den Fischen schmeckt es auf jeden Fall: sie fressen das Losgelöste mit Genuss. Und wir putzen alle gemeinsam das Dnghy, das auch stark bewachsen ist. Jetzt strahlt es wieder fast wie neu.

Auch die schönste Zeit geht mal zu Ende: Am 2. August setzen wir die Segel und speeden mit dem Wind von hinten zurück nach Curacao. Anja und Patrick steuern das Schiff souverän durch Wind und Wellen.

Ein letzter Tag Erholung am Touristen-Strand, eine letzte Happy Hour und ein Abendessen im stimmungsvollen Beach-Palmdach-Restaurant – dann heisst es wieder Abschied nehmen: Anja und Patrick fliegen zurück in die brütend heisse Schweiz. Vielen vielen Dank für euren Besuch, wir sind traurig….und freuen uns auf das nächste Mal.

Wie weiter?
4.8. – ??. Die mühsame Abkratzarbeit am Unterwasserschiff hat gezeigt, dass die Riocaja aus dem Wasser muss und eine komplette Reinigung mit neuem Anti-Fouling–Anstrich benötigt. Und auch die vielen Seeventile müssen überprüft und ev. ersetzt werden. Dazu möchten und müssen wir unsere Energieversorgung optimieren, mit einem Windgenerator und Solarpanels. Wir klären via Internet, E-Mail und Gesprächen mit Seglern, Mechanikern und Werften ab, ob wir das jetzt in Curacao oder später in Kolumbien machen lassen. Nach unseren vielen Erfahrungen mit Reparaturen müssen wir dafür vier Wochen veranschlagen. wie es rauskommt, das erfahrt ihr im nächsten Blog.

Curacao, Caracasbay, 11.8.2015