24.5. – 22.6. Martinique – St.Lucia – St.Vincent – Tobago – Trinidad

Unseren letzten Abend auf Martinique feiern wir gemeinsam mit Johannes und Estrella mit einem Nachtessen in einem Restaurant im schönen Städtchen Saint-Anne. Dabei bekommen wir quasi zum Dessert ein Live-Konzert eines französisch-karibischen Musikstars. Er singt auf Französisch eine Art Martinique Reggae-Rap. Das tönt echt gut und seine zahlreich aufmarschierten Fans sind begeistert.

Am 24. Mai, setzen wir die Segel mit dem Ziel Rodney Bay im Nordwesten von St.Lucia. Es ist ein herrlicher Tag mit schönem Wetter, nicht zu hohen Wellen und gutem Wind. Wir sind fast gleich schnell wie die DORASY und ankern in der grossen Bucht direkt nebeneinander.

Beiboot adé – zum zweiten !?.

Das „Highlight“ mit dem Beiboot geht diesmal nicht auf unsere Kosten, sondern auf die von Johannes und Estrella. Zurück vom Einkaufen, stehen sie vor dem Dinghy-Dock und erleben den Dinghy-Schock. Ihr Schlauchboot ist zwar noch da, aber flach wie eine Flunder und hält sich nur dank der Festmacherleine knapp über , respektiv unter Wasser. Eine Naht ist geplatzt, die Luft ist draussen! Freunde schleppen sie zurück zum Schiff. Dabei geschieht fast das zweite Desaster. Der 40 Kilo-Aussenborder geht auf Tauchstation und kann nur mit Mühe gerettet und an Bord gehievt werden.

Johannes flickt den gut dreissig Centimeter langen Riss und der Motor läuft nach einer Spülung mit Süsswasser zum Glück auch wieder. Trotzdem macht er sich jetzt auf diese Suche nach einem Ersatz für sein zugegebenermassen nicht mehr ganz zeitgemässes Dinghy.

Tausend Fledermäuse

Nächster Etappenort für Riocaja und Dorasy sind die berühmten Pitons – quasi das Matterhorn der Karibik. Wir ankern vor der spektakulären Kulisse, direkt neben einem Riff und einer Felswand – einfach gewaltig. Direkt vom Boot aus tauchen wir in die Unterwasserwelt mit den schönsten Korallen und farbigsten Fischen. Im markanten Felseinschnitt „Bat Cave“ schwirren wohl tausend Fledermäuse.

Dorasy und Riocaja – ein Traumpaar

Das gemeinsame Reisen mit der Dorasy ist toll – die zwei Boote und ihre Besatzungen werden zu einem richtigen „Traumpaar“.   Wir erleben eine wunderschöne Zeit zusammen mit Diskutieren, Fachsimpeln, Schwatzen, Ausflügen und Spielen. Doris hat ja nicht nur ihre geliebten Jassskarten dabei, sondern auch ganz spektakuläre Gesellschaftsspiele. Dabei bringt „Brändi-Dog“ höchste Spannung, Spass und Ärger, dank den vielen überraschenden Wendungen durch falsche oder richtige oder auch vergessene taktische Möglichkeiten. Damit es zu keinen Trennungsdrohungen kommt, spielen immer die „falschen“ Paare zusammen. Das ist gut so!

Einklarieren und Ausklarieren

Eines der wichtigsten Rituale für Yachties in der Karibik ist das Ein- und Ausklarieren. Fast jede Insel ist ja auch ein autonomer Staat. Und jeder hat seine eigenen Richtlinien, Formulare und Tarife für die Ein- und Ausreise. Ganz easy und fix geht das auf den französischen Inseln. Man füllt am Computer ein A4 Formular aus. Der steht nicht etwa im Zollbüro, sondern zum Beispiel in einer Cafébar oder beim Schiffszubehörhändler. Man lässt das Formular abstempeln, zahlt entweder nichts oder 2 Euro und das ist es.

Das ist aber die Ausnahme. In der Regel geht das so vor sich: Zuerst auf die Immigration und dann zum Customs oder auch umgekehrt. Eines bis zwei Formulare in drei bis fünf Kopien (mit Durchschlagspapier, wer kennt das überhaupt noch?) ausfüllen. Warten, bis der/die Immogrationsbeamte alles sorgfältig von Hand in ein riesiges Buch übertragen hat. Warten, bis die Amtsperson die Quittung für den Obulus vorbereitet hat. Portemonnaie zücken und einen mehr oder weniger hohen Betrag bezahlen. Papiere mitnehmen und zum Zollbüro wechseln. Dort bekommt man meist einen schönen Stempel in den Pass gestempelt. Dankeschön und auf Wiedersehen. Denn beim Ausreisen macht man das ganze Prozedere nochmals durch. Zum Glück meist ohne Kosten. Und man hat 24 Stunden Zeit, um die Ausreise anzutreten.

Ganz teuer kann es aber werden, wenn man ausserhalb der Bürozeiten (meist von 8-11 und 14-16Uhr) oder an Sams-, Sonn- oder Feiertagen einklariert. Das gibt zum Teil happige Zuschläge. Ein spezielles Kuriosum haben wir in der Wallilabu-Bucht auf St.Vincent entdeckt. Die haben ihre Bürozeiten alle ausserhalb der offiziellen Bürozeiten. Man zahlt immer Aufschlag. Logo.

Der grosse Vorteil dieses häufigen Rituals ist die Tatsache, dass ich die Passnummern von Doris und Hans Ramp auswendig kenne und ohne Stottern niederschreiben kann.

Cumberland! – Kifferland?

Damit wir die Overtime-Kosten bei der Einreise auf St.Vincent umgehen können, legen wir am Samstag 30.5. einen Zwischenhalt in der Laborie-Bucht ein und segeln am Sonntag bei herrlichem Wetter von St.Lucia nach St.Vincent, und zwar in die Cumberland-Bay. Dort hat es kein Immigration- und kein Customs-Office. Am Montag geht’s dann per Autostopp nach Chateaubelair, um die Einreiseformalitäten zu erledigen. Da aber die Customs-Beamtin abwesend ist, ziehen wir unverrichteter Dinge wieder von dannen. Am Dienstag klappt es dann tipptopp. Wir sind offiziell in St.Vincent angekommen und dürfen maximal 30 Tage bleiben.

Cumberland ist eine wildromantische Bucht, hier leben nur ein paar Fischer und es hat zwei einfache Restaurants. Die machen nur auf, wenn Segler vor Anker liegen. Wir „reservieren“ einen Tisch, sind natürlich die einzigen Gäste und es vergehen mehr als zwei Stunden, bis wir original-creolisch dinieren können. Es schmeckt wunderbar. Bei guter Stimmung gönnen sich Hans und Johannes zum Dessert einen Joint – auf St.Vincent gedeiht das beste Marihuana der Karibik. (Gelegenheit macht Diebe). Aber versprochen liebe Kids – es bleibt bei diesem einmaligen Ausflug in die Kifferwelt.

Wiedersehen mit Sam und Margot

Am Dienstag, den 2. Juni, wird aus dem Duo Dorasy – Riocaja ein Trio mit der Margot. Wie ein paar Tage zuvor abgemacht, treffen Sam und Margot ein. Wir feiern das Wiedersehen mit einem gemeinsamen Nachtessen auf der Riocaja. Johannes und Estrella sorgen mit ihren Gitarren für zauberhafte Stimmung. Wir haben ja wirklich ein schönes Leben!

Abschied tut weh!

Doch schon tags darauf folgt ein schwerer Abschied. Die gemeinsame Zeit mit Johannes und Estrella war wunderbar und verging wie im Flug. Aber es gibt Hoffnung auf ein Wiedersehen – in Panama zum Jahreswechsel 2015/2016.

Wir „feiern“ den Abschied draussen auf hoher See vor der Cumberland-Bay. Die drei Yachten werden lose zusammengebunden, wir springen ins tiefblaue Wasser. So sieht man die Tränen nicht fliessen….

Dann segeln die drei Boote noch gemeinsam der Küste St.Vincents entlang, ehe die Dorasy nach links abbiegt, nach Young Island.. Margot und Riocaja ziehen hingegen weiter mit Kurs Süd-Süd-Ost. Unser Ziel heisst Tobago. Wir segeln die Nacht durch und erreichen das Dorf Charlotteville am 4. Juni um 14.30Uhr.

Tobago – Willkommen im Bambus-Paradies

Auf Tobago erleben wir wunderbare Tage. Die Insel ist ein grünes Naturereignis.. Ähnlich wie Dominica. Schon wieder heisst es: Welcome to Paradise! Es wimmelt von Seevögeln – insbesondere auch von Pelikanen. In der riesigen Bucht (Men of War Bay) liegen nur ganz wenige Yachten vor Anker. Die Küste ist bergig, sattgrün, mit Palmen und riesigen Bambuswäldern. Die Einheimischen empfangen uns herzlich. Die Einklarierung ist zwar reichlich kompliziert, doch der Customs-Officer gibt uns gleich noch die wichtigsten touristischen Informationen mit auf den Heimweg.

In der Dorfbar von Charlotteville sitzen nur Männer und es gibt nur Bier. Wer etwas anderes will, holt das gleich gegenüber im kleinen Supermarkt und setzt sich dann dazu. Hier quatschen wir mit den Einheimischen und vor allem mit Al Pacino. Er ist ein lebhafter kommunikativer Typ und kann etwas deutsch. Wie fast alle hier ist er Fischer. Er hat ein offenes Boot, im Tobago-Stil gebaut, mit einem starken Aussenbordmotor.

Fischen nach Tobago-Art

Wir fragen ihn, ob er uns morgen mitnimmt zum Fischen. Schnell ist der Preis abgemacht. Frühmorgens um sechs Uhr geht’s los. Die Fischer hier in Charlotteville angeln alle seit Jahrhunderten nach der gleichen Art mit den genau gleichen Booten., Je eine grosse Bambus-Auslegerrute schaut nach links und nach rechts. Dazu kommen zwei Schleppleinen. Macht total vier Köder. Das nennt man nachhaltiges Fischen. Wir düsen bei ziemlich kräftigen Wellen und unruhigem Wetter vor wilden, windumtosten Felseninseln hin und her. Fischfangen ist ein nasses Vergnügen.

Der erste Tuna für Doris

Tatsächlich beisst schon bald der erste Fisch an – es ist ein Tuna. Und so kommt es, dass auch Doris schon bald ihren allerersten Thunfisch ins Boot zieht. Für uns fast ein kleines Wunder, denn mit der Riocaja hatten wir bis anhin ja noch nichts gefangen ausser Seegras! Nach gut zwei Stunden liegen vier Tunas in der Eisbox.

Nächster Halt ist die Pirates Bay – da wartet der fröhliche Sonson mit seiner eher grimmigen Frau. Er zeigt uns, wie man den Fisch ausnimmt. Dann geht’s ab auf den Grill – und schon bald geniessen wir unser stimmungsvolles Beach-BBQ mit dem selbstgefangenen Tuna. Dazu gibt’s natürlich Carib-Bier und Rum-Punch.

Der Ritt auf den Wellen

Total begeistert vom nassen, aber schnellen Fahren mit dem Fischerboot, buchen wir gleich die nächste Tour mit Al Pacino. Diesmal führt er uns ums Nordostkap von Tobago herum. Wir kurven durch mehrmeterhohen, gewaltigen Seegang, aber er steuert das kleine Boot souverän durch Wellen, Gischt und Schaum, nur wenige Meter an Klippen und Felsen vorbei. Einfach grossartig. Wir wandern auf der Vogelinsel Little Tobago und wir schnorcheln in einem traumhaft schönen Korallenriff mit riesigen farbigen Fischschwärmen. Dann geht’s wieder zurück ums Kap, diesmal mit noch höheren Wellen. Ein wahrer Husarenritt.

Nach vier Tagen Charlotteville ziehen wir weiter in die nächste Bucht. Die Englishman’s Bay ist pure Natur, eindrucksvoll und gross, und wir sind die einzigen zwei Yachten. Am palmenreichen Sandstrand spielen einige Kinder und ein sympathischer Mann fischt mit drei grossen Ruten vom Land aus. Zwischen Palmen und Bambusbäumen steht versteckt ein einziges fensterloses, zweistöckiges Haus. Wir wandern beim Sonnuntergang den langen Strand entlang und treffen einen Mann, der mit seiner Machete auf der Jagd nach einem Iguana (Leguan)ist. Der gilt als echte Delikatesse mit feinem Fleisch.

Tags darauf treffen wir die Hausbesitzerin Eula, die in dieser einsamen Bucht selbstgemachte Stoffe, Bambus- und Kokos-Schnitzereien verkauft. Wir könnten auch bei ihr essen, aber nur bis vier Uhr am Nachmittag, dann macht sie zu und geht nach Hause. Wir sagen ja, gerne und nehmen unser Abendessen halt um drei Uhr Nachmittags ein. Zuvor wandern wir (teilweise per luftigem Autostopp auf der Ladefläche eines Pick-Ups) zu einem Wasserfall mitten in einem Bambuswald.

Ein-Ausklarieren nach Tobago-Art

Auf der kleinen Insel Tobago im kleinen Städtchen Charlotteville müssen wir nicht nur ein- und ausklarieren, sondern auch mitteilen, welche Buchten man in wie vielen Tagen anlaufen möchte. Dann bekommen wir ein verschlossenes Kuvert mit auf den Weg, das wir dann in der Hauptstadt Scarborough bei der Immigration und beim Customs vorweisen darf/muss. Dort gibt’s wiederum ein Kuvert mit auf den Weg zur Hauptinsel Trinidad. Und wiederum haben wir fünf Tage Zeit dafür.

Was sind Leatherbacks?

Für den Schlag von Tobago nach Trinidad brauchen Riocaja und Margot gut sieben Stunden. Wir möchten zuerst in der Grande Rivière-Bucht ankern. Da erwartet uns ein weiteres Naturereignis. In der Nacht kriechen die riesigen Lederschildkröten mühsam an den Strand und graben ihre Eier in den Sand. Diese Urtiere werden bis zu 500 Kilo schwer. Leider sind Schwell und Wind zu stark, wir müssen weitersegeln. Immerhin können wir einige Leatherbacks vom Segelboot aus beobachten. Beeindruckend, wenn sie ihre markanten Köpfe aus dem Wasser strecken.

Da die nächste sichere Ankerbucht fünf Segelstunden entfernt ist, kommen wir zum ersten Mal bei Nacht an. Es ist stockdunkel, als wir in die La Vache-Bay einlaufen. Zum Glück ist die Bay aber sehr gross und es liegen auch keine Fischerboote im Weg. Dafür haben wir Mühe beim Ankern, es braucht drei Versuche, bis unser Haken wirklich hält. Da haben wir unseren Manöverschluck wirklich verdient, oder nicht!

Nomen est omen

Nächstes Ziel ist die Scotland’s Bay. Und siehe da: Es regnet den ganzen Tag wie aus Kübeln. Und wir werden von Tausenden Fruchtfliegen überfallen. Die streifen dann ihre Flügel ab und krabbeln als eine Art Ameisenkäfer auf unserem Schiff herum. Bis in alle Ecken und Kanten. Zum Glück ist der Spuk kurz vor dem Eindunkeln wieder vorbei. Wir spülen und wischen diese kleinen Ungeheuer wieder weg.

Die Scotland’s Bay hat ihren Namen aber nicht wegen des Regens erhalten. Sondern wegen ihrer fjordartigen Form und des pechschwarzen Wassers. Genau so ist es dort, ich weiss es aus eigener Erfahrung. Und sie heissen nicht Bay, sondern Loch….

Hält der Anker? Jein!

Das ist für Yachties fast die wichtigste Frage. Quasi die Lebensversicherung. Darum testen wir beim Ankern immer mit Rückwärtsfahrt-Gasgeben, ob er auch gut eingegraben ist und sicher hält. Dass das auch keine hundertprozentige Garantie ist, erleben wir in der Carenage Bay bei Chaguaramas. Am Morgen kommt starker Wind auf aus der entgegengesetzten Richtung wie wir geankert hatten. Und es baut sich mächtiger Schwell auf. Doris und ich sind unter Deck. Plötzlich hören wir Sam rufen: „Ihr rutscht“. Tatsächlich treiben wir auf die hinter uns liegende Yacht zu. Schnell werfen wir den Motor an und holen den Anker hoch. Im schlammigen Boden ist er durch Wind und Schwell ins Rutschen geraten. Glück gehabt. Wir verholen uns nach Chaguaramas, wo es fest verankerte Muring-Bojen hat.

Hafen-Dreck statt Karibik-Flair

Dann sind doch die fünf bewilligten Reisetage auch schon wieder vorbei und wir müssen mit unserem verschlossenen Kuvert bei der Immigration in Chaguaramas „ansaugen“. Das funktioniert problemlos. Jetzt dürfen wir sogar mehrere Wochen auf Trinidad bleiben, ohne uns wieder zu melden.

Wie heisst doch ein Spruch eines erfahrenen Weltumseglers, der unsere Lebensweise wie folgt definiert: „Fahrtensegeln heisst, an den schönsten Plätzen der Welt sein Schiff zu reparieren“.

Chaguaramas ist aber (zum Glück, möchte man fast sagen). definitiv nicht der schönste Platz der Welt. Es hat mit Karibik-Romantik wenig gemein. Aber es hat viele Werften, Mechaniker und Schiffszubehörläden. Wir hoffen, dass wir längst fällige Reparaturen und Servicearbeiten ausführen können. Und dann so schnell wie möglich wieder eine schöne Bucht mit kristallklarem Wasser anvisieren könne.

Chaguaramas, Trinidad, 21. Juni 2015.

PS   Fast hätte ich es vergessen: Am 18. Juni 2015 haben wir unseren 1. Geburtstag auf der Riocaja (nicht) gefeiert. Bis jetzt haben wir 6746 Seemeilen im Kielwasser, das sind 12‘150 Kilometer.